Ende August, wenn an vielen Sträuchern das Laub schon müde wirkt, wechseln die Dirndln an den Hängen des Pielachtals von Hellrot zu tiefem Rubinrot. Für die Bauernfamilien und Produzenten von Dirndlprodukten beginnt das sogenannte Dirndlklauben, für die Tierwelt die wichtigste Futterzeit vor dem Winter. Die Früchte der Kornelkirsche (Cornus mas) sind Energie- und Vitalstoffspeicher zugleich. Davon profitieren die Mönchsgrasmücke ebenso wie der Siebenschläfer – und wir Menschen.
Sie lesen Teil 3 von 5 unserer Themenstrecke „Naturleistungen der Dirndl“.
Bisher erschienen: Teil 1 – Warum die Dirndlblüte für die Obsternte so wichtig ist und Teil 2 – Dirndlstauden als Schutz vor Hangrutschungen.

Die Dirndl füttert die Natur zweimal im Jahr, jeweils genau zur richtigen Zeit: im Februar mit Nektar für die ersten Bienen, im Spätsommer mit energiereichen Früchten für Zugvögel und Winterschläfer. Und je nach Sorte und Reifegrad stecken in 100 Gramm Dirndln oft mehr Vitamin C als in 100 Gramm Zitrone.
Ökologisches Buffet: Wer sich an den Dirndln satt frisst
- Treibstoff für den Vogelzug: Zugvögel wie Mönchsgrasmücke und Singdrossel wandeln den Fruchtzucker der Dirndln in Fettreserven um. Diese Reserven brauchen sie für den Flug in den Mittelmeerraum. Wacholderdrosseln und Stare fallen in Trupps ein. Amsel und Eichelhäher fressen sich vor dem Kälteeinbruch Polster an.
- Spezialist Kernbeißer: Die meisten Vögel fressen das Fruchtfleisch. Der Kernbeißer dagegen knackt mit seinem kräftigen Schnabel die harten Steinkerne und kommt so an die nährstoffreichen Samen.
- Kraftfutter für Winterschläfer: Siebenschläfer und Haselmaus fressen sich im Herbst ein Fettpolster an, von dem sie monatelang im Winterschlaf zehren. Reife Dirndln sind dabei willkommene Kost. Gelbhalsmäuse tragen die Kerne in ihre Vorratslager. Marder, Dachs und Fuchs sammeln das Fallobst unter den Stauden auf.
- Gärtner im Federkleid: Vögel scheiden die Steinkerne unverdaut wieder aus und verteilen sie dabei über Hecken, Waldränder und Böschungen. So wächst neuer Dirndlnachwuchs oft dort, wo ihn niemand gepflanzt hat. Die Samen brauchen allerdings Geduld: Bis zur Keimung vergehen häufig zwei Winter.
Vitalstoff-Frucht aus der Region
- Vitamin C: Analysen kommen je nach Sorte, Standort und Reife auf sehr unterschiedliche Werte. Diese liegen oft über jenen der Zitrone mit rund 50 mg pro 100 g, teils erreichen sie das Doppelte. Für eine heimische Wildfrucht ist das ein bemerkenswerter Wert.
- Anthocyane und Polyphenole: Diese sekundären Pflanzenstoffe geben der Dirndl ihre tiefrote Farbe und zählen zu den Antioxidantien. Als Faustregel gilt: Je dunkler die Frucht, desto höher ihr Gehalt.
- Gerbstoffe und Pektin: Unreife Dirndln schmecken wegen ihrer Gerbstoffe herb und zusammenziehend. Deshalb warten die Pielachtaler, bis die vollreifen Früchte von selbst in die ausgelegten Netze fallen. Der hohe Pektingehalt macht Dirndln außerdem ideal für Marmelade, Gelee und weitere Dirndlprodukte.
Schon Hildegard von Bingen kannte die „Kornelkirsche“
Die Wertschätzung für die Dirndl ist alt. Bereits römische Autoren wie Plinius, Ovid und Vergil erwähnen den „cornus“. Im 12. Jahrhundert widmete die Benediktinerin Hildegard von Bingen der Kornelkirsche in ihrer Naturkunde Physica ein eigenes Kapitel. Sie nannte den Strauch „Erlizbaum“ und hielt seine Früchte für bekömmlich, für Gesunde ebenso wie für Kranke, besonders mit Blick auf den Magen. Das ist mittelalterliche Erfahrungsheilkunde und kein medizinischer Nachweis. Es zeigt aber, wie lange die Dirndl schon als wertvolle Frucht gilt.

Im Pielachtal lebt diese Tradition bis heute weiter: in der GenussRegion Pielachtaler Dirndl, beim Dirndlklauben im Spätsommer und in den regionalen Spezialitäten der Wirte und Direktvermarkter. Sogar als Deko auf der Terrasse (siehe Foto) ist die Dirndl im Pielachtal immer wieder zu finden.
Fazit: Die Dirndl ist Futterstation, Samenverbreiter und Vitalstoff-Frucht in einem. Jede erhaltene Staude versorgt im Spätsommer Zugvögel und Winterschläfer und liefert uns Menschen eine regionale Frucht mit über 2.000 Jahren Kulturgeschichte.
Aus den Dirndl-FAQ: Kurz gefragt…
Welche Tiere fressen Dirndln (Kornelkirschen)?
Vor allem Vögel wie Mönchsgrasmücke, Singdrossel, Wacholderdrossel, Amsel, Star, Eichelhäher und Kernbeißer. Dazu kommen Säugetiere wie Siebenschläfer, Haselmaus, Gelbhalsmaus, Marder, Dachs und Fuchs.
Wann sind Dirndln reif?
Je nach Lage und Witterung ab Ende August bis in den Oktober. Vollreife Früchte sind dunkelrot, weich und fallen von selbst vom Strauch.
Hat die Dirndl wirklich mehr Vitamin C als eine Zitrone?
Oft ja. Die Werte schwanken je nach Sorte und Reifegrad stark, liegen aber häufig über jenen der Zitrone.